Ein Tag in Hyderabad

Jamie

Der Wecker klingelt. Es ist 5:30. Ich richte mich noch im Halbschlaf langsam im Bett auf und greife automatisch nach dem Odomos auf meinem Nachttisch. Wahrscheinlich stellt ihr euch jetzt zwei Fragen: Wieso um alles in der Welt so früh? Und was ist Odomos? Erstens will ich gleich zum Yoga, was jeden Morgen kostenlos von 6 bis 7 Uhr angeboten wird und zweitens ist man in Hyderabad dauerhaftes Ziel unzähliger Mücken. Odomos ist euer unsichtbares Schutzschild gegen diese nervigen Parasiten! Ich schwinge mich also aus dem Bett und ziehe mich schnell an, um dann runter zu gehen und mit Kristina zum Yoga zu fahren. Netterweise überlässt uns Ghani, meine Labor-Kollegin, meistens ihren Scooti (Roller), damit wir die Strecke nicht laufen müssen. Ansonsten joggen wir die 2,5 km aber auch. Um diese Uhrzeit schläft der Campus noch und man hat die Chance den Mittelpunkt einer riesigen indischen Stadt ganz ruhig und friedlich zu erleben. Beim Yoga wärmen wir uns auf, dehnen Körperstellen, die ich in meinem Leben nie wieder benutzen werden und grüßen die Sonne so lange, bis sie wirklich langsam durch die Fenster bricht. Surya Namaskar.

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Der Rückweg ist geprägt von Erwachen. Streifenhörnchen und Wildschweine kreuzen den Weg, nur die Büffel am Straßenrand sind noch zu faul ihre Köpfe zu heben. Mit ganz viel Glück hat man hier sogar die Chance den ein oder anderen Pfau zu sehen und auch Rehe tummeln sich auf dem Campus-Gelände.

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Zurück im Hostel dusche ich mich (kalt! Man gewöhnt sich daran 😉 und lege mich nochmal für eine Stunde schlafen. Um kurz vor 9 klingelt mein Wecker ein zweites Mal und erst jetzt beginnt mein richtiger Tag (übrigens werde ich wahrscheinlich nie wieder so diszipliniert sein wie in Indien, aber es war eine echt schöne Art in den Tag zu starten).
Erster Programmpunkt: Frühstück. Ganz ganz wichtig! Jeder Inder wird euch als aller erstes fragen, ob ihr schon gegessen habt und dann solltet ihr das besser mit „ja“ beantworten können, denn sonst erwartet euch ein schockierter Blick und ihr werdet etwas essen geschickt. Zum Frühstück gibt es für mich Egg Dosa, eine Art flacher Pfannkuchen aus Reis und Linsen, auf dem zusätzlich ein gut gewürztes Omelette liegt. Dazu zwei Chutneys, eins mit Kokos, das andere… absolut keine Ahnung. Ich will gar nicht so viel mehr zum Essen sagen, weil mir jetzt schon wieder das Wasser im Mund zusammenläuft und es sein könnte, dass ich in einem Anflug von Sehnsucht drei Seiten schreibe. Nur so viel: Bevor ich nach Indien ging, war ich das wohl größte Schärfe-Weichei in ganz Münster und die ersten Wochen waren die absolute Hölle für meine Zunge. Mein Essen war täglich versalzen, weil mir so die Tränen liefen. Ich übertreibe nur ein bisschen. Aber es kam der Tag, an dem ich mich verliebte. In Dosa, Paratha und Biryani (Was würde ich jetzt dafür geben!) Die indische Küche ist wirklich ein Erlebnis und solltet ihr anfangs noch skeptisch sein: Gebt ihr Zeit und sie wird auch euch überzeugen.

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Um ungefähr 10 Uhr bin ich dann im Labor und kann die Frage nach dem Frühstück natürlich mit einem Lächeln bejahen. Mit Annapoorni, meiner Betreuerin, arbeite ich an Brevundimonas diminuta, einem Bakterium, was in der Lage ist Organophosphate abzubauen und diese sogar zum Wachstum zu verwenden. Organophosphate wurden in früheren Zeiten weltweit als Pestizide verwendet. Leider wirken sie jedoch nicht nur toxisch gegen Insekten, sondern gegen jegliche Organismen mit Nervensystem. Daher wurden sie auch in den 70er Jahren größtenteils verboten (leider noch immer nicht überall). Ihre Rückstände können jedoch noch immer die lokale Fauna und auch Menschen schädigen, weshalb mein Labor sehr an der Degradierung dieser Gefahrenstoffe interessiert ist. Mit Hilfe von 2DElektrophorese und MALDI-ToF analysiere ich die beteiligten Proteine dieses Stoffwechselwegs. Mein Labor ist toll. Ganz unterschiedliche Charaktere, die aber jeder für sich total nett und warmherzig sind. Poorni und Ghani sind mir besonders ans Herz gewachsen. Auch Professor Dayananda, mein Labor-Leiter, ist ein wirklich guter Lehrer mit einer Menge Autorität aber auch Gutmütigkeit.

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Laborzeiten sind uns selbst überlassen, wobei ich selten vor 6 Uhr gehe. Dazu muss man sagen, dass ich die Pausenzeiten für Lunch und tea time meistens auch schon ziemlich ausgereizt habe. Ich will nicht wissen wie viele Liter Chai ich in meiner Zeit dort getrunken habe. Es waren einige. Über Chai könnte ich ebenfalls ewig schreiben, aber auch das erspare ich euch. Probiert es selbst 😉

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Den Abend verbringe ich draußen, so wie jeder andere auch. Hier sitzt man nicht in seinen Zimmern, hier ist man auf der Straße, diskutiert über die Uni, Politik oder (natürlich) Essen. Wir gehen zum Peacock Lake, einem von drei Seen auf dem Campus, und setzen uns entspannt ans Ufer. Auch wir reden über alles Mögliche. Die meisten Inder sind sehr interessiert an den Umständen in Deutschland und Europa und auch für mich hat sich da eine ganz neue, unbekannte Welt eröffnet. Indien mit seinen tausend Gesichtern fasziniert mich. Ein riesiges Land mit endlos vielen Sprachen, Religionen, Bräuchen und Geschichten. Ich weiß jetzt schon, dass ich nicht zum letzten Mal hier gewesen sein werde. Phir milenge.

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