Malariaforschung in Brasilien – über das UNIBRAL-Programm

Leonie Hilger

Vor der Abreise

Als ich zum ersten Mal von der einzigarten Möglichkeit gehört habe, innerhalb des Masterstudiums im Fachbereich Biologie der WWU Münster in Brasilien studieren zu können, hatte ich zunächst noch viele Fragen und Sorgen. Brasilien bietet durch sein Klima und seine Größe natürlich ganz andere biologische Besonderheiten in Flora und Fauna als Mitteleuropa und somit auch viele Möglichkeiten meine Fachkenntnisse in Labor und Feld zu erweitern. Außerdem hat mich die Herausforderung eine neue Sprache und Kultur kennenzulernen gereizt.
Aber ebenso präsent wie die Begeisterung für das Projekt waren Fragen wie: Passen der Aufenthalt und die Kurse dort in mein Studium? Wie wird die Kommunikation mit meinen Kollegen ohne Portugiesischkenntnisse funktionieren? Und werde ich mich in einer so großen Stadt wie São Paulo zurechtfinden?
Bei all diesen Fragen konnten mir die UNIBRAL-Projektkoordinatorin Prof. Eva Liebau, die Internationalisierungsbeauftragte des Fachbereichs Dr. Roda Niebergall und auch die beiden deutsch-brasilianischen Professoren Carsten Wrenger und Gerd Wunderlich vor Ort helfen. Ebenso haben Gespräche mit ehemaligen Stipendiaten mich auf den Aufenthalt vorbereitet und meine Entscheidung gefestigt.
Nachdem der Entschluss gefasst war, die Reise zu wagen, wartete allerdings noch eine Reihe bürokratischer Aufgaben auf mich. Es gilt eine Auslandskrankenversicherung abzuschließen, gegebenenfalls einen Reisepass zu beantragen, Impfungen zu erhalten und den Flug zu buchen. Um ein Projekt und eine Unterkunft für mich zu finden, mussten auch Prof. Carsten Wrenger und Prof. Gerd Wunderlich frühzeitig wissen, wann ich anreise. Vor allem aber bedurfte die Beantragung des Visums einiges an Zeit und Behördengängen.
Nachdem auch diese Hürde genommen war, bin ich am 27. Oktober 2015 nach Brasilien geflogen.

Die ersten Tage in Brasilien
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Auf dem Weg von der Wohnung zum Supermarkt kommt man an dieser Gasse mit Graffitis vorbei. Diese Form der Straßenkunst ist typisch für São Paulo.

Obwohl ich nachts angekommen bin, hat Gerd mich abgeholt und mir auf dem Weg zu meinem Appartement direkt etwas von São Paulo gezeigt und erzählt. Bei solchen Dingen wie zum Flughafen oder zum Arzt fahren, sind beide Professoren sehr hilfsbereit. Das Appartement lag nicht weit entfernt vom ICB (Instituto de Ciências Biomédicas) und in der Nähe gibt es einen Supermarkt und ein paar Restaurants und Bars.
Am nächsten Morgen hat mich Gerd auch ins Labor begleitet und mir das Forschungsgebiet seiner Arbeitsgruppe vorgestellt. Und dann ging es auch schon direkt los mit kleineren Aufgaben in grundlegenden Methoden der Molekularbiologie. Vor allem anfangs musste ich viel lesen und erfragen, thematisch wie auch methodisch. Gerd selbst war mein Betreuer, aber auch alle anderen im Labor halfen gerne, was den Einstieg sehr erleichtert hat. Vor allem die Deutschen, die dort ihre Doktorarbeit schreiben, haben mir nicht nur im Labor, sondern auch bei alltäglichen Dingen wie einkaufen und Bus fahren mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Die Bushaltestellen werden im Bus nicht angezeigt und nur wenige Brasilianer sprechen englisch, weswegen schon die Busfahrt in die Innenstadt anfangs Schwierigkeiten bereiten kann. Es empfiehlt sich definitiv, sich vor der Anreise Grundkenntnisse in Portugiesisch anzueignen, um sich im Alltag zurechtzufinden. Ich habe nur zwei Monate vor der Anreise einen Onlinekurs begonnen und lerne hier mit einer Brasilianerin, die ihr Deutsch aufbessern möchte, zu sprechen. Ein Kurs, um die Grammatik und ein gewisses Maß an Vokabular zu lernen, wäre jedoch von Vorteil. Im Labor herrscht aber eine bunte Mischung aus Sprachen, da dort neben den Brasilianern auch viele andere Südamerikaner und Deutsche arbeiten. Die meisten sprechen Englisch und sonst kann man sich auch irgendwie verständigen.

Die Arbeit im Labor

Bei Gerd habe ich bereits in den ersten Wochen viele lang etablierte Verfahren erlernt. Er hat dabei Wert daraufgelegt, dass ich nicht gedankenlos pipettiere, sondern bei jedem Schritt weiß, was bei dieser Reaktion passiert und worauf zu achten ist.
Dies ist besonders wichtig, wenn man mit Zellkulturen des Malariaerregers Plasmodium falciparum arbeitet. Nicht nur der Schutz des Arbeitsmaterials, sondern auch der eigene Schutz spielen eine wichtige Rolle.

Meine Arbeiten fanden alle im größeren Kontext der Cytoadhäsion von P. falciparum innerhalb der Blutgefäße statt. Der Parasit befällt Erythrozyten und exponiert Proteine an der Oberfläche seiner Wirtszelle. Diese Proteine können die befallene rote Blutzelle an der Innenseite der Blutgefäße binden. So verhindern sie eine Erkennung der infizierten Zelle in der Milz, dessen Funktion es ist, abnormale Erythrozyten auszusortieren.
Bei den Zellkulturen von P. falciparum handelt es sich um infizierte Erythrozyten, die mit Nährmedium in Flaschen kultiviert werden. Die Parasiten können beispielsweise so modifiziert werden, dass sie ein bestimmtes Oberflächenprotein produzieren oder durch den Versuch, sie auf Endothelzellkulturen binden zu lassen, auf bestimmte Oberflächenproteine getestet werden.

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Bei der Arbeit mit Zellkulturen des Malariaerregers Plasmodium falciparum.

Neben dem Forschungsmodul, das aus der täglichen Laborarbeit besteht, habe ich an dem Kurs „Molecular Biology of Plasmodium falciparum – A Practical Course“ teilgenommen, der einem Fortgeschrittenenmodul entspricht. Dort konnte ich meine praktischen Fähigkeiten ausbauen und besonders durch Erklärungen der Methoden auch in der Theorie ergänzen. Der Kurs ist jedoch vom Niveau her vergleichbar mit Vertiefungsmodulen.

Exkursion in den Dschungel

Zusätzlich zur Laborarbeit bei Gerd habe ich ein Modul in der Arbeitsgruppe von Marcelo Ferreira absolviert. Dabei handelte es sich um eine Exkursion nach Acre, einem brasilianischen Staat im Südwesten des Amazonasbeckens. Dort haben wir den Umgang mit Blutproben von mit Tropenkrankheiten infizierten Personen bzw. Menschen, die in einem endemischen Gebiet leben (also dort, wo die Krankheiten auftreten), kennengelernt. Wir sind nach mehrtägiger Anreise (erst Flugzeug, dann Boot) auf dem Rio Azul zu kleinen Kommunen an sehr abgelegenen Orten gefahren. Dort haben wir in Hängematten in Holzhütten geschlafen und mit den Einheimischen das von ihnen zubereitete Essen gegessen. Neben den fachlichen neuen Erkenntnissen haben wir so auch beeindruckende Impressionen des Lebens im Dschungel erfahren dürfen.

Die erste Gemeinde, in der wir waren, hatte vor kurzem tatsächlich noch zwei Mitglieder an die Chagas-Krankheit verloren. Diese Krankheit ist zwar nur noch wenig verbreitet, stellt jedoch immer noch eine Gefahr dar. Das Ziel der Exkursionen von Marcelo ist also nicht nur die Endemiologie (Verbreitung) der Krankheit zu erfassen, sondern auch den Menschen vor Ort zu erklären, wie sie sich schützen können. Die Chagas-Krankheit wird durch bestimmte Raubwanzen (‚kissing bugs‘) übertragen, die den Erreger Trypanosoma spec. bei ihrem Blutmahl durch ihren Kot auf die Haut des Wirts übertragen. Außerdem ist es möglich, dass man die Raubwanzen samt Trypanosoma zu sich nimmt, wenn man Früchte wie zum Beispiel Açaí verzehrt. Wir haben den Menschen vor Ort Exemplare der Wanzen gezeigt und ihnen die davon ausgehenden Gefahren erläutert.

Neben der wissenschaftlichen Arbeit haben die beiden Tropenmediziner der Exkursion den Kommunenbewohnern auch bei akuten Beschwerden helfen können. Die dort oft unzureichende medizinische Versorgung zeigte sich beispielsweise in Anämien bei Kleinkindern oder kleinen Wunden, die zu chronischen Problemen geführt hatten.

Die Erfahrungen, die wir auf dieser Exkursion sammeln durften, haben unser Gesamtbild von der Erforschung tropischer Krankheiten und Parasiten vervollständigt, uns aber auch persönlich bereichert.

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Besuch bei einer einheimischen Familie, um sie für die Studie zu testen und zu befragen. Mit dem roten Gerät messe ich den Hämoglobinwert, um eine Anämie bei der getesteten Person ausschließen zu können.
Leben in São Paulo

São Paulo ist eine riesige und spannende Stadt. Chaotisch und laut, aber ebenso bunt wie die Graffitis dort, ist auch die Bevölkerung. Es leben Menschen aus den verschiedensten Ländern miteinander und bilden eine faszinierende neue Kultur. Wie bereits erwähnt ist es ratsam, portugiesisch zu lernen, um von Einheimischen etwas über die brasilianische Kultur zu erfahren. Die Reaktion auf Ausländer, die kein Portugiesisch sprechen, kann von Angst davor, englisch sprechen zu müssen, bis offener Hilfsbereitschaft und Kommunikation mit Händen und Füßen variieren. Neben den einheimischen Brasilianern sind aber auch viele spanisch sprechende Südamerikaner und erstaunlicherweise Japaner anzutreffen. Besonders spannend ist es diese Vielfalt beim Essen zu erfahren. Die kolumbianische Küche hat mir am besten gefallen, aber auch Sushi habe ich dort lieben gelernt.

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: Oben links: Blick vom Eingang der Pinacoteca (Kunstsammlung) auf die Straße, Oben rechts: Bemalter und begrünter Mast im Szeneviertel Vila Madalena, Unten: Beco do Batman; Gasse, in der die Graffitikünstler São Paulos ihre Meisterwerke ausstellen.

Wahrscheinlich fragt ihr euch auch, wie sicher es dort auf den Straßen ist. Also ich habe zum Glück nicht die Erfahrung machen müssen, dass Brasilien das gefährlichste Land Südamerikas ist. Natürlich hört man von Freunden und Bekannten auch schon mal Horrorgeschichten darüber, wie sie ausgeraubt wurden oder die Polizei teilweise vorgeht. Um das zu vermeiden bin ich abends nur an der Hauptstraße alleine entlanggegangen, ansonsten war ich immer mit Freunden unterwegs und/oder habe ein Taxi genommen (was zum Glück recht billig ist). Außerdem sollte man nicht unnötig viele Wertsachen mitnehmen. In einem Reiseführer habe ich gelesen, dass man am besten immer etwas Bargeld dabeihat, das man im Notfall abgeben kann, aber das kam bei mir zum Glück nie zum Einsatz. Das einzige Mal, bei dem mir etwas gestohlen wurde, war, als ich Teile meiner Sachen auf dem Dachboden meines Wohnhauses gelagert habe.

Reisen

Nachdem ich mein Projekt in Gerds Labor abgeschlossen hatte, bin ich noch 7 Wochen durch Brasilien gereist. Da dies offiziell natürlich nicht vom DAAD gefördert wird, sollte man schon etwas Geld beiseitegelegt haben, wenn man in so kurzer Zeit viel vom Land sehen möchte. Da Brasilien so groß ist, musste ich oft fliegen, um von einem zum andern Ort zu gelangen.

Besonders gefallen haben mir auf der Reise Praia de Pipa, die Chapada Diamantina und Salvador. Salvador hat mir so gut gefallen, weil die Altstadt aus der Kolonialzeit und die vorwiegend afrobrasilianische Bevölkerung der Stadt einen besonderen Charme verleihen. Sie gilt zwar als eine „einzige große Favela“, wenn man jedoch die richtigen Ecken gezeigt bekommt, kann man dort gut und billig essen und kostenfreie Olodum-Shows auf den Straßen der Altstadt genießen. Olodum ist eine bestimmte Art auf künstlerische und tänzerische Weise zu trommeln, welche in besonderen Schulen dafür gelehrt wird und schon Michael Jackson begeisterte (https://www.youtube.com/watch?v=QNJL6nfu__Q).

Von Salvador aus gelangt man mittels Nachtbusfahrt nach Vale do Capão in der Chapada Diamantina. Salvador genauso wie die Chapada Diamantina liegen in dem Bundesstaat Bahia. Wie der Name des Bundesstaats schon verrät, war dort einst eine große Bucht. Dies spiegelt sich in der einzigartigen Vegetation und vor allem den vor Jahrtausenden vom Wasser geschliffenen Gesteinen wider. Der Name der Chapada (=(Hoch-)Ebene) zeugt außerdem von der Entdeckung großer Edelsteinvorkommen. Diamanten habe ich zwar nicht gefunden, aber den ein oder anderen Bergkristall. Die Trekkingtour, die ich gemacht habe, basierte auf einem 400 Jahre altem Weg der Diamantsucher. Ob diese Geschichte nur ein Märchen unseres Guides war oder nicht, der Weg war abenteuerlich und die Tour nicht im Entferntesten so touristisch, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Wir waren insgesamt drei Tage unterwegs aber schon innerhalb von zwei Stunden, die wir gewandert sind, konnte die Landschaft wechseln von karger Hochebene zu grünen Tälern und die Route von abenteuerlich steinigen Aufstiegen bis hin zu entspanntem Schwimmen an Wasserfällen.

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Abbildungen eines Bruchteils der diversen Landschaft in der Chapada Diamantina (Bahia).

Zum Schluss meiner Reise habe ich noch etwas in dem Strandort Pipa in der Nähe von Natal ausgespannt. Dort gibt es verschiedene Strände, an denen man schwimmen, surfen oder, wenn man Glück hat, Delfine antreffen kann. Der Ort ist zwar schon etwas touristisch, aber viel schöner als die meisten brasilianischen Kleinstädte. Es ist schwer zu beschreiben, wie die üblichen Städte in Brasilien aussehen. Meist sind sie von der Architektur herkarg und simpel, oft liegt Müll in Vorgärten und die Namen der Bars sind auf gesponserten Schildern von brasilianischen Biermarken zu lesen. In Pipa jedoch gibt es viele individuell aussehende Lokale, die bereits von außen mehr Ambiente ausstrahlen. Ein solches Flair ist auch in Arraial d’Ajuda (nahe Porto Seguro) vorzufinden, welches sogar bereits dreimal in Folge den Preis für die charmanteste Straße Brasiliens erhalten hat.

Ärztliche Versorgung

Da das bei mir leider unvermeidbar war, vielleicht auch noch ein paar Tipps zum Thema Arztbesuche. Ich hatte häufig Blasenentzündungen oder ausgeartete Erkältungen, weil man oft verschwitzt in klimatisierten Räumen sitzt. Wenn ihr zu solchen Erkrankungen neigt, packt euch immer ein Tuch oder ähnliches ein.

Falls ein Arztbesuch dann doch unvermeidlich ist und ihr noch gar kein Portugiesisch sprecht, nehmt euch einen portugiesisch sprechenden Professor oder Freund mit. Wenn das beispielsweise auf Reisen auch nicht geht, hat es bei mir immer ausgereicht, die wichtigsten Wörter zur Beschreibung des Problems nachzuschlagen.

Je nachdem in welchem Bundesstaat ihr seid, braucht ihr für manche Medikamente ein bestimmtes Rezept. Also falls ihr es in dem einen Staat gerade nicht mehr schafft das Medikament zu besorgen, achtet darauf, dass ihr es an eurem nächsten Ziel mit dem erhaltenen Rezept bekommt! Meine Versicherung wollte außerdem alle Verschreibungen auf Deutsch haben, was natürlich selten funktioniert. Oft bekommt man sie aber wenigstens auf Englisch.

Fazit

In den 8 Monaten, die ich in Brasilien verbracht habe, habe ich nicht nur mehr Portugiesisch gelernt als ich erwartet hätte, sondern auch eine gewisse Selbstständigkeit bei der Arbeit im Labor erlangt. Dies war für mich eins der wichtigsten Ziele, mit denen ich in dieses Abenteuer gestartet bin.
Neben der beruflichen Entwicklung kann ich aber auch eine persönliche sehen, die durch den Umgang mit Menschen verschiedener Kulturen und die Erlebnisse auf meiner Reise durch Brasilien vorangetrieben wurde.

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